Kassenlabor oder ganzheitliche Labordiagnostik - BIO-LABOR Fachinformation 02.2005

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ein wichtiger Teil unserer Workshops ist die Darstellung der Unterschiede zwischen dem Kassenlabor und der ganzheitlichen Labordiagnostik.

Einige Kunden sagen mir, dass sie Labordiagnostik primär nur bei privat versicherten Patienten durchführen. Das kann ich nicht nachvollziehen! Laboruntersuchungen dienen im Interesse des Behandlers und des Patienten einer genauen Diagnosefindung mit dem Ziel einer effizienten Therapie – da darf es keine „Zwei-Klassen-Medizin“ geben! Und weil der Kassenarzt in seinen Möglichkeiten, Laboruntersuchungen durchzuführen, stark eingeschränkt ist, hat es sich in meiner und vielen anderen Praxen gerade bei den gesetzlich versicherten Patienten als viel notwendiger erwiesen, eine Laboruntersuchung in Auftrag zu geben. Der privat Versicherte bringt häufig umfangreiche Untersuchungsergebnisse aus Klinik und Arztpraxis mit, der gesetzlich Versicherte dagegen nur kleine „Schmierzettel“, auf denen der eine oder andere Laborwert – meist ohne Normwertangabe – vermerkt ist. Da dieses Thema auf unseren Workshops auf großes Interesse stößt, habe ich mich entschlossen, es zum Inhalt dieser Fachinformation zu machen. 

Gerade der gesetzlich versicherte Patient muss im Mittelpunkt unserer Bemühungen stehen.

Natürlich ist die Problematik der Bezahlung von Heilpraktiker-Leistungen beim gesetzlich Versicherten etwas größer als beim privat Versicherten, aber der gesetzlich versicherte Patient produziert als Barzahler auch weitaus weniger Verwaltungskosten (z. B. keine aufwendige Rechnungsstellung und keine Überwachung des Zahlungseinganges). Außerdem entfällt bei ihm das Problem einer möglichen Nichterstattung von in Rechnung gestellten Leistungen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gesetzlich Versicherte umfassende Laboruntersuchungen sehr gern in Anspruch nehmen und viele von ihnen einmal jährlich zwecks einer Routineuntersuchung zu mir kommen. Man muss natürlich bestimmte Preisgrenzen einhalten, die Patienten genau über den Sinn der Untersuchung aufklären und Ihnen die Unterschiede zu den kassenärztlichen Laboruntersuchungen klar machen.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder Konsument – ein solcher ist der Patient – eine definierte Gegenleistung für sein Geld erwartet. Gerade Laboruntersuchungen sind ein probates Mittel, ihm diese Gegenleistung plastisch zu demonstrieren. Neben den rein diagnostischen Erwägungen ist die Laboruntersuchung auch aus diesem Grund ein Standard in meiner und vielen anderen Praxen. 

Was kann der Kassenarzt beim gesetzlich versicherten Patienten untersuchen lassen? 

Kassenärzten steht für Ihre Leistungen eine bestimmte Punktezahl pro Patient und Quartal zur Verfügung. Ein Punkt entspricht 5 Cent. Das Punktekonto unterscheidet sich in den Leistungen und in den verschiedenen Facharztgruppen. Für Laboruntersuchungen stehen z. B. einem Allgemeinmediziner im Durchschnitt 25 Punkte – also 1,25 Euro – pro Quartal und Patient zur Verfügung. Man kann sich gut vorstellen, warum die Untersuchungen oft nur drei oder vier Laborwerte pro Patient umfassen.

Warum sagen Einzelwerte meist nur die halbe Wahrheit?

Beispiel gammaGT:
Häufig ist in den kassenärztlichen Untersuchungen als Leberwert nur das gammaGT zu finden. Dieser Wert allein sagt mir aber nicht, ob es sich um eine funktionelle Störung des Leber-Galle-Systems oder um eine organische Lebererkrankung handelt, ob Ernährungsfehler oder Alkoholabusus beeinflussend sind. Zur genauen Differenzierung tragen Werte wie Alkalische Phosphatase, GOT, GPT und GLDH bei. Desweiteren findet man bei Leberkranken Begleiterscheinungen wie Anämie und Fettstoffwechselstörungen. Aussagen darüber liefern mir der hämatologische Status und die Fettstoffwechselwerte wie Triglyceride und Cholesterine. In den Stoffwechselprofilen ist dieser ganzheitlichen Betrachtung Rechnung getragen, weswegen ich im Rahmen einer Leber-Galle-Diagnostik zumindest die Profile 2, 3 oder 5 empfehle. 

Beispiel Kreatinin:
Auch die Aussage dieses Wertes ist für sich allein betrachtet sehr dürftig. Eine umfangreichere Labordiagnose ist Voraussetzung für die Wahl der richtigen Therapie: Liegt eine echte Niereninsuffizienz vor oder sehe ich die Folge einer protein- bzw. purinüberschüssigen Ernährung (Harnstoff bzw. Harnsäure erhöht)? Wie weit ist der Prozess fortgeschritten? Reicht die Empfehlung an den Patienten, die tägliche Flüssigkeitszufuhr zu erhöhen und die Verordnung eines Tees? Oder steht der Patient kurz vor der Dialyse („Nierenbluten“, Anämie, Amylase erhöht)? Hier sind massivere Maßnahmen nötig. Oder sind’s gar nicht die Nieren sondern akute bakterielle Prozesse im Urogenital-Trakt (Entzündungswerte im hämatologischen Status, CRP erhöht)? Oder ist eine Muskel- bzw. Herzmuskelschwäche vorhanden (Gesamt-CK bzw. CK-MB erhöht), wodurch wiederum das Kreatinin reduziert wird und u. U. eine Nierenschwäche unerkannt bleibt!? Die Stoffwechselprofile beantworten alle diese Fragen!

Beispiel Cholesterin:
Ein erhöhtes Cholesterin allein ist kein Risikofaktor für eine Arteriosklerose! Auch bei den Patienten hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass es ein "gutes" HDL-Cholesterin und ein "schlechtes" LDL-Cholesterin gibt. Wir wissen: auch Gesamt-Lipide, Triglyceride, Homocystein u. a. sind Risikofaktoren. Bei Durchblutungsstörungen ist differentialdiagnostisch abzuklären, ob eine Insuffizienz des Stoffwechsels (Leber, Galle, Pankreas, Darm) oder Ernährungsfehler die Ursachen einer Fettstoffwechselstörung und damit der sklerotischen Gefäßablagerungen sind. Auch hier empfehle ich zumindest die Profile 2, 3 oder 5; sie beantworten meine Fragen! Und die Antworten benötige ich zur Durchführung einer effizienten Therapie!

Abschließend noch einige Ratschläge: Zur Abklärung chronischer Systembelastungen liefern die Immunglobuline wertvolle Hinweise. Bei chronischen Infektionen und Hepatopatien ist z. B. das IgG erhöht, bei Proteinverlustzuständen und Immunsuppression dagegen vermindert. Das IgA steht für chronische Schwächen und Infektionen innerer Schleimhäute, das IgM für akute Infektionen und Immunsuppression. Zur Abklärung, ob z. B. Hauterkrankungen allergiebedingt oder stoffwechselbedingt sind, ist die Bestimmung des IgE erforderlich. In den Profilen 2, 3 und 6 sind die Immunglobuline bereits enthalten. Wenn Sie andere Profile in Auftrag geben, empfehle ich, diese bei entsprechenden Verdachtsmomenten zusätzlich bestimmen zu lassen!

Mit kollegialen Grüßen
Manfred Tuppek
Leiter der med. wiss. Abteilung
BIO-LABOR Hemer