Die Familienanamnese gehört zur Anamnese

Auf unseren Seminaren weisen wir immer auf die Notwendigkeit einer umfassenden, ganzheitlichen Anamnese hin. Sie ist Ihr erstes und vielleicht wichtigstes diagnostisches Instrument und gleichzeitig das Mittel der Wahl, um die notwendige Beziehung zum Patienten herzustellen. Die Ergebnisse der Anamnese entscheiden über weitere Diagnoseverfahren und sind mitbestimmend für ein ganzheitliches Therapieregime. Ein bedeutsamer Teil dieser Anamnese ist die Familienanamnese: An welchen Erkrankungen, körperlichen Schwächen oder auch immer wiederkehrenden Beschwerden litten die Eltern und Großeltern in welchem Alter?

Die hier gewonnenen Erkenntnisse lassen den Schluss zu, dass auch die Folgegenerationen zumindest körperliche Schwachstellen in gleichen Bereichen haben bzw. Risiken in sich tragen, die die gleichen Erkrankungen ausbrechen lassen können. Sie helfen, die richtigen diagnostischen Schritte einzuleiten und verhindern, statistisch nicht relevante und kostenintensive Untersuchungen zu veranlassen. 

Natürlich darf man sich nicht darauf fokussieren, dass diese möglichen Erkrankungen in einem akuten Fall das Problem sind, aber man muss solche Dinge einkalkulieren. Vor allem auch, um frühzeitig dem Ausbrechen der Erkrankung entgegenwirken, zum Beispiel um Verhaltensveränderungen des Patienten erreichen zu können. Denn nicht nur die Genetik spielt eine Rolle, sondern auch erlerntes Verhalten bzw. Fehlverhalten.
Viele unserer Verhaltensweisen haben wir von unserer ersten Sozialisationsinstanz - den Eltern bzw. der Familie - übernommen. Und da man in der ganzheitlichen Medizin den psychischen Komponenten eine gewichtige Rolle beimisst, kann man sich gut vorstellen, welche Rolle dieses erlernte Verhalten spielt. Dies ist besonders von Bedeutung, wenn es um Stressbewältigung und Konfliktverhalten geht. Der Bezug zum Darm braucht an dieser Stelle wohl nicht weiter diskutiert werden. 
  
Auch das Alter der Vorfahren beim Auftreten der Erkrankungen spielt eine Rolle. Wenn Erkrankungen bei den Verwandten ersten Grades eher in jüngeren Jahren aufgetreten sind, ist das diagnostisch bedeutsamer als wenn diese im weit fortgeschrittenen Alter auftreten. Deswegen ist zum Beispiel ein Herzinfarkt bei Verwandten ersten Grades vor dem 60. Lebensjahr ein sehr wichtiger prädiktiver Marker für die Nachfolgegeneration.      
Beim Darmkrebs wird empfohlen, dass Verwandte ersten Grades (also die leiblichen Kinder) 10 Jahre vor dem Diagnosealter des Erkrankten mit der Vorsorge beginnen. An dieser Stelle möchte ich an unsere Stuhluntersuchung Tumormarkerprofil 9 (Kolon, Rektum) erinnern, welches mit den Parametern Tumor-M2PK, Calprotectin und Hb/Hp-Komplex sehr sichere Aussagen diesbezüglich zulässt. 

Man weiß heute, dass die Wahrscheinlichkeit für das Ausbrechen gleicher Erkrankungen bei Angehörigen sehr groß ist und das betrifft sehr viele Bereiche: Erkrankungen des Darmes, des Herzens, Rheuma und Hauterkrankungen.   

Die Familenanamnese ist nur ein Teil der ganzheitlichen Anamnese. Mindestens genauso wichtig ist die Medikamentenanamnese, in der nicht nur die schulmedizinischen Medikamente abgefragt werden müssen, sondern auch die Vielzahl an sog. Gesundheitsmitteln, die Patienten heute eigenverantwortlich und in großer Zahl im Internet erwerben.