Testosteron substituiert - Hormone entgleist

Bei dem nachfolgend vorgestellten Fall handelt es sich um den Patienten eines unserer geschätzten Kunden. Dieser Fall ist in doppelter Hinsicht interessant. Zum Einen, weil die im Fokus stehenden Laborwerte deutlich machen, was sich Patienten heutzutage in fahrlässiger Art und Weise selbst antun. Zum Anderen, weil dieser Fall aufzeigt, dass Patienten in der Anamnese gerne wichtige Informationen verschweigen und erst nach intensivem Nachfragen die ganze Wahrheit erzählen.
Hinter den nachfolgend aufgeführten Laborwerten steckt ein 30-jähriger Mann, der regelmäßig ein Fitnessstudio besucht und entsprechend trainiert ist.


DHEA-S                85,2    (Norm: 106 - 464,0) µg/dl     
LH                           0,1    (Norm: 1,27 - 19,26) mU/ml  
FSH                         0,04  (Norm: 1,24 - 8,62) mU/ml     
Testosteron        >16,0    (Norm: 1,50 - 6,60) µg/l         


Interpretation dieser Werte:
Bei Männern können niedrige FSH- und LH-Spiegel Hinweis auf einen sekundären Hypogonadismus und auf eine sekundäre Hodeninsuffizienz sein. Das FSH reflektiert u. U. die Spermatogenese. In diesem Fall liegt jedoch eine massive Hypertestosteronämie vor, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass eine natürliche Entwicklung verursachend ist. Die extrem erhöhten Testosteronwerte erhärten den Verdacht einer Testosteron-Substitution.
Aber erst als der Kollege den Patienten mit seinen Laborwerten konfrontierte, also beim nächsten Termin, gab er die Substitution vollends zu. Ebenso teilte er ihm mit, wie er substituiert und woher er das verschreibungspflichtige Testosteron-Präparat bekommt. Er injiziere sich zweimal wöchentlich 250mg (1 ml) „Testosteron Enanthate“ der Firma Swiss Remedies i.m. und bekomme es von einem Freund aus dem Fitnessstudio (übrigens keine Seltenheit in der Bodybuiliding-Szene). 
So ist zu erklären, dass reflektorisch FSH und LH abfallen. Auch der niedrige DHEA-S-Spiegel ist eine „Anpassungs-Reaktion“ auf die Testosteron-Einnahme, denn DHEA gilt als Vorstufe des Testosterons.


Eingriffe in die körpereigene Regulation der Hormone mit externen, wenn auch natürlichen Hormonen, sind mit Vorsicht zu genießen. Die kurzfristigen Nebenwirkungen sind meist bekannt, aber vielfach fehlen Kenntnisse über die langfristigen Folgen aufgrund fehlender Studien. Zum Teil sind langfristig angelegte Studien sogar vorzeitig abgebrochen worden, weil die Risiken für die Probanden zu groß waren.
In Zeiten des Internets wird es für Patienten, die trotz Google medizinische Laien bleiben, zunehmend einfacher, alle möglichen Präparate oder sogar Tests (Stuhl und Speichel) zu bestellen. Undifferenziert wird dort alles bestellt und eingenommen, was die Anbieter empfehlen, weil es der Gesundheit doch so gut tun soll. Um so wichtiger wird es in der Praxis, in der Anamnese genau nachzufragen, was Patienten zusätzlich zu schulmedizinischen Präparaten einnehmen, denn auch die sog. Gesundheitsmittel können einen Einfluss auf Laborwerte haben und können, wenn überdosiert, langfristig zu körperlichen Schäden führen.