B-Vitamine und andere Nahrungsergänzungsmittel: Vor der Blutentnahme pausieren?

„Medikamente nehme ich keine – nur ein paar Vitamine.“

Eine solche Antwort kann in der Anamnese eine wichtige Information offenlassen Patienten zählen Nahrungsergänzungsmittel (NEM) häufig nicht zu den Präparaten, nach denen gefragt wird. Für die Vorbereitung und Interpretation einer Laboruntersuchung können sie jedoch relevant sein.

Hilfreich ist deshalb eine konkrete Nachfrage: „Welche Vitamine, Mineralstoffe oder anderen Nahrungsergänzungsmittel nehmen Sie ein – auch gelegentlich?“

Daraus folgt allerdings nicht, dass vor jeder Blutentnahme grundsätzlich alles abgesetzt werden sollte. Zunächst muss geklärt werden, auf welche Weise ein Präparat das Ergebnis beeinflussen könnte.

Messstörung oder tatsächliche Veränderung?

Bei einer Messstörung beeinflusst ein Stoff das analytische Verfahren. Der angezeigte Wert kann dadurch höher oder niedriger sein, als es der tatsächlichen Konzentration entspricht. Biotin ist dafür ein bekanntes Beispiel.

Bei einer tatsächlichen Veränderung wird ein Wert durch die Einnahme beeinflusst, weil der Stoff dem Körper zugeführt wird. Das Ergebnis ist deshalb nicht automatisch falsch. Es muss jedoch unter Kenntnis der Einnahme interpretiert werden.

Für die Praxis ergibt sich daraus eine wichtige Frage: Wollen wir einen Ausgangszustand untersuchen oder den Verlauf unter einer bereits begonnenen Behandlung beurteilen?

Biotin: Auch in B-Komplex-Präparaten mitdenken

Biotin gehört zu den B-Vitaminen und wird auch als Vitamin B7 bezeichnet. Es kann in Einzelpräparaten, Produkten für Haare und Nägel sowie B-Komplex-Präparaten enthalten sein.

Bei bestimmten Tests kann Biotin das Messverfahren stören. Betroffen sein können beispielsweise Schilddrüsenuntersuchungen. Das BfR hat diese Problematik in seiner Information vom 21. Mai 2026 aufgegriffen. [1]

Nicht jeder Test ist gleichermaßen empfindlich. Ob eine Einnahmepause erforderlich ist, hängt unter anderem vom eingesetzten Verfahren und der Dosis ab; auch eine eingeschränkte Nierenfunktion kann relevant sein. Deshalb lässt sich keine für sämtliche Untersuchungen passende Wartezeit angeben. [2]

Für die Praxis: Die Angabe „B-Komplex“ allein reicht für die Vorbereitung nicht aus. Benötigt werden die enthaltenen Stoffe und ihre Mengen.

Vitamin B12: Die Einnahme gehört zur Interpretation

Bei Verdacht auf einen B12-Mangel sollte die diagnostische Blutprobe möglichst vor Beginn einer Substitution entnommen werden. Darauf weist die britische NICE-Leitlinie hin. Bereits eingenommenes B12 kann Gesamt-B12 oder aktives B12 erhöhen, ohne dass ein Mangel damit zwingend vollständig behandelt ist. [3]

Ein unauffälliger Wert nach begonnener Einnahme beantwortet daher nicht zuverlässig die Frage, wie die Versorgung vorher war. Ein kurzzeitiges Weglassen rekonstruiert diesen ursprünglichen Zustand nicht verlässlich.

Wurde bereits begonnen, sollten Präparat, Dosis, Einnahmedauer und gegebenenfalls Injektionen dokumentiert werden. Bei Verdacht auf megaloblastäre Anämie mit neurologischen Symptomen darf die notwendige Behandlung nicht durch das Warten auf Laborergebnisse verzögert werden; hier ist eine zügige ärztliche Abklärung erforderlich. [3]

Vitamin B6: Vorbereitung passend zum Test

Auch bei der Bestimmung von Vitamin B6 sind die Einnahme und die Vorgaben zur Probengewinnung wichtig.

Ein konkretes Beispiel zeigt, warum sich ein Blick in die Untersuchungsanleitung lohnt: Mayo Clinic Laboratories fordert für die dortige Bestimmung von Pyridoxal-5-Phosphat eine zwölfstündige Nahrungskarenz und den Verzicht auf Vitaminpräparate während der vorausgehenden 24 Stunden. [4]

Diese Vorgabe gilt für die dort beschriebene Untersuchung. Sie ist keine allgemeine BIO-LABOR-Anweisung und keine Pausenregel für sämtliche B-Vitamine. Maßgeblich sind die Bedingungen des tatsächlich untersuchenden Labors.

Eisen: Die letzte Tablette kann relevant sein

Eine kürzlich eingenommene Eisentablette kann das Serumeisen vorübergehend deutlich erhöhen. Mayo Clinic Laboratories nennt für die dortige Serumeisenbestimmung eine Einnahmepause von 24 Stunden. [5]

Auch dieses Beispiel zeigt die Bedeutung einer gezielten Vorbereitung. Die Vorgabe darf nicht ohne Weiteres auf alle Eisenparameter oder andere Mineralstoffe übertragen werden. Für den konkreten Auftrag sollte geklärt werden, welche Werte benötigt werden und wie die Probe vorbereitet werden soll.

Warum „alles eine Woche absetzen“ keine gute Standardregel ist

Eine pauschale Pause kann für einzelne Untersuchungen unnötig sein und für andere die eigentliche Frage nicht lösen. Vor allem ersetzt sie keine Kenntnis der bisherigen Einnahme.

Ein konstruiertes Praxisbeispiel: Eine Patientin nimmt seit mehreren Wochen einen B-Komplex und zusätzlich Eisen. Nun sollen Beschwerden abgeklärt werden. Die Anweisung, alle Präparate einige Tage wegzulassen, verrät noch nicht, welche Inhaltsstoffe enthalten waren, ob Biotin eine geplante Messung beeinflussen könnte oder wie bereits gemessene Vitaminwerte zu beurteilen sind.

Sinnvoller ist ein kurzer Abgleich vor dem Termin. So lässt sich die Vorbereitung konkret festlegen und verständlich erklären.

Eine einfache Routine für Ihre Praxis

Bitten Sie Ihre Patientinnen und Patienten, zum Vorbereitungsgespräch eine Liste oder Fotos aller Präparate mitzubringen. Erfassen Sie:

  • Produktname und Inhaltsstoffe;
  • tatsächlich eingenommene Tagesdosis;
  • Beginn der Einnahme und Zeitpunkt der letzten Dosis;
  • bei Injektionen zusätzlich den letzten Anwendungstermin;
  • den Grund der Einnahme und eine gegebenenfalls ärztliche Verordnung.

Achten Sie auf die Einheiten: 1 mg entspricht 1.000 µg. Prüfen Sie außerdem, ob eine Mengenangabe pro Kapsel oder pro Tagesportion gilt.

Vereinbaren Sie anschließend eindeutig, welche Präparate unverändert weitergenommen werden und ob für einzelne Produkte eine Pause notwendig ist. Eine solche Empfehlung sollte konkret sein und dokumentiert werden. Ärztlich verordnete Behandlungen werden mit der verordnenden Praxis abgestimmt.

Unser Ansatz: Die Untersuchung soll Ihre Frage beantworten

Aus unserer Sicht beginnt kostenbewusste Labordiagnostik bereits vor der Blutentnahme. Eine gezielte Nachfrage kann helfen, unklare Befunde und vermeidbare Wiederholungen zu reduzieren.

Sprechen Sie uns deshalb gern an, wenn Sie die Vorbereitung einer Untersuchung abstimmen möchten. Hilfreich sind Produktname, Dosierung und die Frage, die Sie mit der Untersuchung beantworten möchten.

Merksatz für die Praxis: Erst erfassen, dann gezielt über eine Pause entscheiden.